Freitag, 19. Oktober 2018

Schlüssel zum Erfolg: Alphabetisierungskurse für Flüchtlinge in Rahlstedt

Hamburg-Rahlstedt (mhd) - Elia Nazemi kann sich gut in seine Schüler hineinversetzen. Der 42-Jährige steht in einem Schulcontainer vor geflüchteten Erwachsenen der Malteser-Erstaufnahme in Rahlstedt und übt mit ihnen Deutsch. Der gebürtige Afghane leitet einen der neuen Alphabetisierungskurse, die die Malteser seit Mitte Juli für Analphabeten anbieten.

Als er 1989 mit seinen Eltern nach Deutschland flüchtete, gab es keine Integrations- oder Sprachkurse, erlebte er keine Ehrenamtlichen, die sich für ein gutes Ankommen von Migranten in Deutschland einsetzten. Heute ist er Übersetzer für Dari, Farsi und Deutsch. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen möchte er Flüchtlingen einen guten Start in Deutschland ermöglichen. Er gibt zwei bis drei Mal pro Woche Unterricht. Jeder Kurs dauert drei Monate. Maximal 15 Geflüchtete können teilnehmen, die Warteliste ist lang.

Der Kurs hat sich aus den Orientierungskursen entwickelt, in denen die Bewohner Werte und Normen der deutschen Gesellschaft kennenlernten. Schnell merkten die Lehrkräfte, dass längst nicht alle Teilnehmer dem Unterrichtsstoff folgen konnten, da manche eine Vorbildung, andere nie eine Schule besucht hatten. Es habe mehr Andrang von Menschen gegeben, die gar keine Sprachkenntnisse hatten, so Nazemi.

"Auch Menschen, die eine andere Schrift, zum Beispiel Arabisch gewöhnt sind, zählen wir zu den Analphabeten, denn sie müssen genauso die lateinischen Schriftzeichen von der Pike auf lernen", sagt er. "Wir fangen wirklich ganz von vorn an, wie hält man den Stift richtig, wie setzt man die Buchstaben an, das alles ist wichtig."

Ab September werde es drei Kurse für verschiedene Lernniveaus geben: Alpha 0 für Menschen ohne Vorbildung, Alpha 1 für alle, die lesen, schreiben und schon kurze Sätze sprechen könnten. Und einen Kurs, der auf den Anfänger-Sprachkurs A1 vorbereitet. Das Projekt ist in Kooperation mit der Hamburger Volkshochschule entstanden. Gefördert werden Menschen, die bisher noch keinen Anspruch auf Integrationskurse oder geförderte Sprachkurse haben.

Die Sprache lernen sei für einen Menschen der erste Schritt in eine Gesellschaft, so Nazemi: "Durch Sprache lernt man alles andere, sie ist der Schlüssel." Sprache verbindet, Sprache macht Mut, genau das möchte Nazemi. Er ist sich seiner verantwortungsvollen Rolle bewusst: "Das hier ist die Basis für die Menschen, hier werden die Weichen für die Zukunft gestellt", sagt er.

"Ich will ein positives Bild der deutschen Sprache und der Deutschen geben." Er kann einen Unterschied im Leben anderer Menschen machen und genau das treibt ihn an: "Die Teilnehmer sollen sehen, da ist einer, der hat es geschafft, der ist nicht hier geboren und jetzt trotzdem Teil der Gesellschaft. Es gibt hier auch Menschen, die hatten noch nie die Chance, eine Schule zu besuchen. Wenn wir denen jetzt nicht helfen, verpassen wir auch eine Chance für unsere Gesellschaft", ist er sich sicher.

An einem Mittwochvormittag im August sprachen die Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und Eritrea mit Nazemi über Vor- und Familiennamen, das Alter, den Familienstand und die Anzahl der Kinder. Ein älterer Mann aus Syrien sagte: "Ich habe Drillinge." Nazemi zeichnet drei Baby-Strichmännchen an die Tafel und schreibt das Wort Drillinge daneben. "Glückwunsch, wer hat noch mehr zu bieten?", fragt Nazemi und schaut freundlich in die Runde.

Er schafft es, seine Schüler zu begeistern. Obwohl die Teilnahme freiwillig sei, habe noch niemand unentschuldigt gefehlt. Nazemi sei ein Vorbild für viele, das sei durchaus ein Grund für den Erfolg des Kurses, sagt Susanne Behem-Loeffler, Referentin für Integrationsdienste bei den Maltesern. Sie würde sich freuen, wenn noch mehr Lehrer mit Migrationshintergrund und Verständnis für andere Kulturen Lust hätten, Geflüchteten die deutsche Sprache beizubringen.

Auch ehrenamtliche ABC-Lotsen suchen die Malteser, die einzelne Flüchtlinge beim Deutschlernen begleiten könnten. "Am Ende können die Menschen alles allein machen, wenn sie nur die Sprache können", so Behem-Loeffler. Nazemi hat sich mit dem Kurs das Ziel gesetzt, "den Geflüchteten Flügel zu geben." "Wir wollen sie hier nicht festhalten, sondern auf kommende Sprachkurse vorbereiten", sagt er. Und damit auch auf das Leben in Deutschland. (Foto: Stefanie Langos)

(aktuell bis 30.10.2017 - 2785 x aufgerufen)

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